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TAH vom 01. Oktober 2008

Streetworker übernehmen Lobbyfunktion für Jugendliche

 

Holzminden. Freuen sich, dass das Streetwork-Projekt startet, von links: Klaus Biemelt, Alfred Sauer, Nele Rosenhagen, Dirk Papenberg, Jürgen Freitag, Jürgen Daul, Felix von Bernstorff, Andrea Berger-Nowak und Matthias Moersener. Die Volksbank Weserbergland spendete für den Projektstart 10.000 Euro. Vorstandsvorsitzender Jürgen Freitag überreichte einen Scheck an den Förderverein des Präventionsrates
Projekt Mobile Jugendarbeit für Stadt und Landkreis Holzminden startet in der Stadt Holzminden und im Flecken Bevern 

Holzminden (spe). Neue Zeiten brechen an in der Jugendarbeit im Kreis Holzminden. Jetzt geht‘s raus auf die Straße, um dort Jugendliche zu erreichen, die sich von institutionellen Angeboten wie einem Jugendzentrum oder Vereinsangeboten nicht angesprochen fühlen. „Streetwork“, zu deutsch Straßensozialarbeit, heißt die für den Kreis Holzminden adaptierte Form der mobilen Jugendarbeit, mit der seit Jahrzehnten erfolgreich in Großstädten gearbeitet wird. Mit Felix von Bernstorff und Diana Fiedler sind zwei Diplom-Sozialarbeiter mit jeweils einer halben Stelle eingestellt, die ab heute als Streetworker unterwegs sind und sich als Lobbyvertreter der Jugendlichen verstehen. Ausführender Träger des auf zunächst auf zwei Jahre angelegten Modellprojekts ist der Sucht- und Jugendhilfeträger STEP gGmbH, angesiedelt bei der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention der STEP in Holzminden. Das Projekt startet zunächst in der Stadt Holzminden und im Flecken Bevern und wird finanziert vom Landkreis, den beteiligten Kommunen und vom Förderverein des Präventionsrats Landkreis Holzminden. Der Präventionsrat hatte die Initiative ergriffen und das Projekt vorbereitet, das mit Hilfe einer Spende von 10.000 Euro von der Volksbank Weserbergland anlaufen konnte. 

Jeder kennt das Bild: Jugendliche halten sich im öffentlichen Raum auf. Sie treffen sich in der Gruppe an Bushaltestellen, in Parkanlagen, auf Parkplätzen und Grillplätzen. Oft wird Alkohol getrunken, und mit steigendem Alkoholpegel wird es laut. Mitunter kommt es zu Vandalismus und Verschmutzung, zur Belästigung von Anwohnern und Passanten. „In den vergangenen Jahren hat die Bedeutung von Cliquen für Jugendliche zugenommen. Durch den Rückzug auf die Straße in Zusammenhang mit jugendtypischen Verhaltensweisen sind problembelastete Auseinandersetzungen mit Anwohnern und der Polizei vorprogrammiert“, weiß Streetworker Felix von Bernstorff. Das ist kein kreisholzmindenspezifisches Problem - aber eben auch. Genau hier soll das Projekt Mobile Jugendarbeit ansetzen, indem sie, möglichst über Holzminden und Bevern hinaus, jungen Menschen „lebensweltnahe soziale Dienstleistungen anbietet, die ihre Integration fördern“. Ziel ist, sich „aktiv für die Umsetzung jugendrelevanter Themen und Forderungen einzusetzen“. 

Bereits vor einem Monat hat Felix von Bernstorff seine halbe Stelle angetreten, war zunächst damit befasst, die Strukturen in Holzminden und Bevern kennen zu lernen, mit Kooperationspartner zu sprechen, die Weichen zu stellen für den Gang auf die Straße. Hier wird der 36-jährige Diplom-Sozialpädagoge und -arbeiter ab heute in Holzminden und Bevern stundenweise anzutreffen sein, vorwiegend in den Abendstunden. Erfahrungen als Streetworker hat er ein Jahr lang in Berlin gesammelt, bevor er mit Jungen in Prostitution in München arbeitete. Seine Kollegin, ebenfalls Diplom-Sozialpädagogin und -arbeiterin, ist Diana Fuchs. Sie hat in Holzminden Soziale Arbeit studiert und nimmt heute ihre Arbeit auf. Die beiden werden stets zu zweit unterwegs sein. Beim Tag der offenen Tür im Jugendzentrum Bevern wollen sich die Streetworker heute öffentlich vorstellen und erste Kontakte zu Jugendlichen knüpfen. 

Felix von Bernstorff nennt die kommenden Aufgaben „Brücken schlagen“. Die Tätigkeit reiche von Krisenintervention über die Unterstützung von Jugendlichen in Fragen der Lebensbewältigung und die Förderung interkultureller Verständigung bis zu gemeinsamen erlebnispädagogischen Aktionen wie etwa „Mitternachtsbasketball“. Angestrebt werde auch die Umsetzung konkreter Projekte - vielleicht die Einrichtung einer Anlaufstelle ohne Verzehrzwang in der Holzmindener Innenstadt. „Wir wollen Jugendlichen Gehör verschaffen, sie sozialpädagogisch beraten, sie in weiterführende Hilfen vermitteln.“ Er weist auch auf seine berufliche Schweigepflicht hin: „Wir sind keine V-Männer für die Polizei.“ Dieser Hinweis wird wichtig für die Vertrauensbildung sein. Kreissozialdezernentin Nele Rosenhagen begrüßt die Initiative des Präventionsrates und das nun gestartete Projekt ausdrücklich. uf diese Weise Jugendliche zu erreichen, die sich vorwiegend auf der Straße aufhalten, sei wichtig und sinnvoll. „Wir müssen uns um diese junge Menschen kümmern, ihnen eine Chance bieten“, erklärt sie. Genauso sieht es Kreisjugendpflegerin Andrea Berger- Nowak. Sie lobt die mobile Jugendarbeit als „wertvolle Ergänzung zu stationären Einrichtungen“. Sie hoffe, dass schnell Interesse geweckt werde für diese neue Form der Jugendarbeit, dass es gelinge, sie an andere Angebote und die Einrichtungen heranzuführen und bald alle dabei seien. Alfred Sauer vom Polizeikommissariat Holzminden und Mitglied im Präventionsrat, hält die mobile Jugendarbeit für nahezu unabdingbar. „Ich habe den Eindruck, dass sich Jugendliche immer mehr provokant entwickeln. Das sehen wir zum Beispiel in der Holzmindener Innenstadt, am Weserkai, in Bevern. Aus polizeilicher Sicht ist es wichtig, präventive Angebote zu machen. Wir können nur verdrängen.“ Klaus Biemelt, Leiter der Fachstelle für Sucht und damit des Projektträgers, will zunächst Erfahrungen sammeln. „Ich habe die Hoffnung, dass es ein Selbstläufer wird.“ Matthias Moersener, Koordinator des Bündnisses für Familie Holzminden und Mitarchitekt im Präventionsrat, hält das neue Kapitel auch für eine "Riesenchance für die Gemeinden, den Bedarf der Jugendlichen abzufragen“. Es sei doch wichtig zu wissen, welche Wünsche Jugendliche hätten, was ihnen an Angeboten fehle. 

Durch die großzügige Anschubfinanzierung der Volksbank Weserbergland konnte das Projekt starten. Vorstandsvorsitzender Jürgen Freitag begründet das über den üblichen Rahmen hinausgehende Engagement so: „Wir leben als Bank in der Region, für die Region und von der Region, und wir fühlen uns besonders in der Verantwortung, diese Region lebens- und liebenswerter zu machen. Wir haben die Hoffnung, dass das Projekt den gesamten Landkreis erreicht.“ Diese Hoffnung teilen alle Beteiligten, doch noch haben außer Stadt Holzminden und Flecken Bevern keine weiteren Gemeinden die Weichen für eine Beteiligung gestellt. Dabei ist klar, dass Jugendliche mobil sind und ihr Aktionsradius nicht an Gemeinde- oder Samtgemeindegrenzen gebunden ist. Der Landkreis hat seine Förderung ab 2009 weiter in Aussicht gestellt, wenn sich die Gemeinden und der Förderverein mit Hilfe von Sponsoren beteiligen. Benötigt werden insgesamt 52.000 Euro pro Jahr. Holzmindens Bürgermeister Jürgen Daul hält das Streetwork-Projekt für einen „großen Schritt nach vorn“ und verspricht sich für die Jugendlichen konkrete Hilfe. Er appelliert: „Nachhaltigkeit ist wichtig. Ich bitte die Entscheidungsträger, die Bedeutung des Projekts zu erkennen und Mittel bereitzustellen. Im Idealfall müssten sich alle Kommunen beteiligen.“